Schon im Vorfeld des G8 Gipfels in Heiligendamm kam es zu einem der größten Repressionsschläge der letzten Jahre. Am 9.Mai starteten Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt in Hamburg, Berlin und Bremen eine Durchsuchungswelle von über 20 Wohnungen und Projekten und begründeten dies mit dem Vorwurf der Bildung einer terroristischen Vereinigung nach §129a. Betroffen sind davon immer noch 18 Beschuldigte.
Seit Jahren kommt es in Hamburg zu andauernden erfolgreichen militanten Aktionen und der Hamburger Staatsschutz übt sich in einem genau so lange andauernden Blindflug. Im Juni letzten Jahres, also zu einem Zeitpunkt als offiziell noch wegen verschiedener Sachbeschädigungen ermittelt wurde, mussten sich die Hamburger Staatsschutzbehörden in den bundesweiten Medien für ihre Erfolglosigkeit vorführen lassen. Nach einer Aktion gegen Staatssekretär Mirow im letzten Dezember zog schließlich die Bundesanwaltschaft das Verfahren als 129aVerfahren an sich und stellte den Aufbau einer sogenannten ,militanten Kampagne' gegen den G8 in den Fokus der Ermittlungen.
Auffallend war schon im ersten Moment, dass trotz der Vorwürfe mehrerer militanter Aktionen kein einziger Haftbefehl beantragt war .Alle Beschuldigten wurden noch am gleichen Tag nach erkennungsdienstlicher Behandlung und der Abgabe von DNA-Material wieder freigelassen. Selbst die BAW musste zugeben, dass es gegen keinen Beschuldigten einen konkreten Tatverdacht geben würde. Die sogenannte terroristische Vereinigung wird aus persönlichen Bekanntschaften, alltäglicher Zusammenarbeit und persönlichen politischen Geschichten zusammenkonstruiert.
Die besondere Bedeutung des Verfahrens begründete die BAW wie folgt:
Ziel der militanten Kampagne ist es mit Brandanschlägen und anderen gewalttätigem Aktionen den bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel der G8 in Heiligendamm erheblich zu stören oder zu verhindern. Diese Straftaten sind dazu bestimmt, die in der BRD bestehende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung zu erschüttern und können die internationale Position der BRD als verlässlicher Partner im Verbund der 8 wichtigsten Wirtschaftsnationen erheblich schädigen.'
Und genau vor diesem politischen Hintergrund ist dieser Angriff des Staatsschutzes auch zu verstehen. Die Durchsuchungswelle und das 129a Verfahren waren ein konkreter Angriff auf die autonomen Mobilisierungen und systemoppositionellen Bewegungen im direkten Vorfeld von G8 in Heiligendamm und ASEM Gipfel in Hamburg. Gemeint waren mit diesem Angriff tatsächlich alle Menschen, die ihren Protest im Rahmen der Aktionen gegen den G8 praktisch werden lassen wollten. Auch hier sollte Repression einschüchtern, denunzieren und zu Entsolidarisierung führen. Was folgte ist allgemein bekannt. Geruchsproben und Postdurchsuchungen werden öffentlich skandalisiert, europaweit finden Solidaritätsaktionen gegen die Repression in der BRD statt und Angela Merkel muss sich vor der Weltöffentlichkeit von Putin Polizeistaatsmethoden vorhalten lassen. An diesem einen Punkt ist das staatliche Kalkül durch Solidarität mit den Betroffenen und ihren politischen Inhalten nicht aufgegangen. Vor dem G8 ließ sich kaum jemand einschüchtern .Aber der G8 ist vorbei und systemkritische Reflexe in der bürgerlichen Gesellschaft bis zum nächsten Ereignis wieder eingemottet. Jetzt, von der Öffentlichkeit unbeachtet, läuft das Verfahren noch immer.
Am 13.Juni also direkt nach dem G8 kam es in Hamburg, Bad Oldesloe und Berlin zu einer weiteren Reihe von Hausdurchsuchungen. Insgesamt 11 Beschuldigten wird in einem neuen 129a Verfahrens vorgeworfen an 4 Aktionen gegen Objekte der Bundeswehr und Rüstungsfirmen beteiligt gewesen zu sein.
Das Muster dieses Verfahrens ist analog zu dem des ersten 129a Verfahrens. Über gemeinsame Kontakte und Freundschaften wird eine Vereinigung konstruiert und der Rest wird sich dann schon finden. Auch hier gab es keinen Haftbefehl. Auch hier hatten die Durchsuchungen offensichtlich den Zweck, den Ermittlungsbehörden weitere Einblicke in linke Strukturen zu verschaffen, die nicht unbedingt etwas mit konkreten Vorwürfen zu tun haben. Wie sagte doch so treffend ein BKAIer nach den Razzien im Mai. ,Wir haben in den Busch geschossen, nun sehen wir, was und wer sich dort bewegt.' Nach den ,Globalisierungsgegnerinnen' sind jetzt Strukturen der Antifa als Teil der radikalen Linken in das Visier der inneren Sicherheit gerückt.
Seit Wochen sitzen in Berlin 4 Leute im Knast von Moabit, denen vorgeworfen wird, in der militanten Gruppe organisiert und an diversen Aktionen beteiligt gewesen zu sein. Die MG ist dem Repressionsapparat schon seit langem ein Dorn im Auge. Nicht nur wegen verschiedenster militanter Aktionen, sondern auch wegen ihrer offensiven Öffentlichkeitsarbeit. Diesen vieren gilt unsere besondere Solidarität.
Alle drei 129a Verfahren stehen für die aktuelle politische Situation, die vor allen Dingen von Diskursen über den Begriff .Sicherheit' geprägt ist. Die Politik staatlicher Überwachung, das Sammeln und Speichern aller Daten von Menschen und das Vorantreiben jeder Art von Repression sind Ausdruck einer Veränderung des staatlichen und gesellschaftlichen Systems, das von einer Krise in die nächste schleudert und sich nur auf Kosten der Menschen funktionsfähig erhält. Die Bekämpfung jeder Art von Widerständigkeit hat für den Apparat in diesem Zusammenhang Priorität. Der § I29a ( wie übrigens auch der § 129b, der sich auf terroristische Vereinigungen im Ausland bezieht) ist dabei ein zentrales Mittel der politischen Justiz. Als Staatsschutzparagraf zielt die Anwendung des Paragrafen immer auf politische Inhalte und kollektiven Widerstand und eben nicht auf bestimmte Aktionsformen oder einzelne Delikte. Neben dieser politischen Bedeutung ist er für die Behörden ein ganz wesentliches Ermittlungsinstrument. Kein anderer Paragraf bietet dem Staatsschutz so viele Möglichkeiten an Überwachung und Ausforschung wie der Paragraf 129a oder b. Im Rahmen der beiden Verfahren in Hamburg hat der Apparat über einen langen Zeitraum seine ganzen technischen Möglichkeiten ausgeschöpft. Flächendeckende Observationen, Telefonüberwachung, e.Mail Überwachung, Filmaufnahmen. Abhörmaßnahmen, Peilsender usw. ,Gemeint sind wir alle' ist in diesem Zusammenhang übrigens nicht nur eine politische Parole. Diese Überwachungsmaßnahmen haben weit mehr Leute betroffen als die jetzt Beschuldigten.
Wir gehen davon aus, dass die Überwachungsmaßnahmen in Hamburg noch immer durchgeführt werden und rechnen auch weiterhin mit Repressionswellen des Staatsschutzes unter welchem Vorwand und mit welchem Konstrukt auch immer. Denn solange Menschen sich aus einer unversöhnlichen Haltung den herrschenden Verhältnissen gegenüber politisch organisieren und ihren Widerstand in verschiedenen Formen praktisch machen, wird die Antwort des Staates Repression sein. Aber Repression wird nicht vermögen, die Ablehnung der unmenschlichen globalen Verhältnisse zu zerschlagen.
Solidarität ist eine Waffe!
Feuer und Flamme der Repression!
Für die soziale Revolution weltweit!
Antirepressionsgruppe Hamburg 11.August 2007