In allen drei zur Zeit laufenden § 129a Verfahren ist es zu Zeuginnenvorladungen zu Bundesanwaltschaft oder Bundeskriminalamt gekommen. Im Verfahren wegen der militanten Kampagne zum G 8 gibt es 6 Vorladungen zum BKA. Diesen Vorladungen ist keine/r nachgekommen, weil gegenüber den Bullen sowieso keine Aussage gemacht werden muss. Trotzdem ist unklar, ob nicht in absehbarer Zeit Vorladungen zur BAW folgen werden. Zusätzlich tauchten BKA-Bullen bei den Eltern von zwei Beschuldigten auf und versuchten, diese zu Aussagen zu drängen. Die Eltern beriefen sich auf ihr Recht auf Aussageverweigerung als nahe Angehörige und sagten nichts. In Kiel wurde eine Zeugin zur BAW vorgeladen und verweigerte die Aussage im Verfahren wegen antimilitaristischer Aktionen nach § 55 der Strafprozessordung wegen der Gefahr der Selbstbelastung. In dem Verfahren gegen Menschen, denen vorgeworfen wird in der militanten Gruppe organisiert zu sein, gibt es unseres Wissens 15 Zeuginnenvorladungen zur BAW.
Angesichts dieser Masse von aktuellen Vorladungen und Verfahren und angesichts einer politischen Situation, in der staatliche Repression gegenüber linksradikalen Mobilisierungen immer mehr in den Vordergrund rückt, wird klar, dass eine tatsächliche Diskussion über Aussageverweigerung überfällig und absolut notwendig ist.
Aussageverweigerung ist bedeutend mehr als eine Taktik im Umgang mit der bürgerlichen Justiz. Nichts zu sagen, ist ein politisches Mittel im Kampf gegen staatliche Repression und ein Ausdruck der Ablehnung dieses Systems. Warum sollten wir uns von Bullen oder Staatsanwältlnnen über Genossinnen, Freundinnen, politische Strukturen oder unser Lebensumfeld ausfragen lassen? Warum sollten wir einer staatlich erzwungenen Denunziationspflicht nachkommen? Jede Information, die der Staatsschutz nicht hat, schützt einzelne Menschen, aber auch ganze Strukturen und Zusammenhänge. Es gibt für Bullen und Justiz keine unwichtigen Aussagen. Jede Information, die sie haben, werden sie auch verwenden. Und zwar immer gegen uns.
Genau darum geht es: der gegenseitige Schutz vor Verfolgung und Repression darf nicht vor dem Gerichtssaal oder Verhörraum enden. Genauso wie Repression insgesamt muss Aussageverweigerung Thema sein und bleiben. Wenn wir unsere Politik ernstnehmen, müssen wir auch die Reaktion des Staatsapparates ernstnehmen. Diskussionen über kollektive Aussageverweigerung sind eine existentielle Notwendigkeit. Sie muss in der gesamten Linken geführt werden.
Diese Diskussion kann immer nur davon ausgehen, dass eben die Verweigerung von Aussagen das sinnvollste und politisch effektivste ist und dass es das Ziel sein muss, Menschen die Sicherheit zu geben, sich auf diese Konfrontation einzulassen. Aber uns ist auch klar, dass das nicht immer so leicht ist und viele subjektive Bedingungen und Situationen dieser Klarheit im Weg sind. Diese Diskussion hat natürlich auch mit persönlichen Ängsten und Unsicherheiten zu tun. Genau deswegen müssen auch individuelle subjektive Bedingungen Thema in diesem Zusammenhang sein.
"keine heldInnen, keine märtyrerInnen ! der ruf nach größerer entschlossenheit, nach konsequenz und opferbereitschaft vergrössert nicht unseren schutz, sondern produziert nur unsere ,verräterInnen', wenn umgekehrt der umgang mit der denunziationspflicht nur eine persönliche entscheidung der betroffenen ist, wenn unser umgang mit staatlichen nachforschungen nur taktisch und nicht politisch bestimmt ist, dann untergraben wir die basis jeden politischen handelns, dann zerstören wir unsere Solidarität untereinander, wie wir unsere kämpfe kollektiv führen wollen, muss auch unser umgang mit repression ein kollektiver sein."
(aus ,lasst sie im trüben fischen', Diskussionspapier zur Kampagne für Aussageverweigerung, Bochum 1989)
Solltet ihr von Vorladungen betroffen sein, setzt euch mit anderen Betroffenen zusammen und diskutiert euer Vorgehen. Trefft euch mit den Beschuldigten und der Soligruppe in dem jeweiligen Verfahren und stimmt euch ab; diskutiert kollektiv und solidarisch wie ihr gemeinsam den Angriff politisch zurückschlagt .Aber auch wenn vermeintlich kein konkreter Anlass ansteht, ist es für alle Gruppen und Zusammenhänge notwendig über ein gemeinsames Verständnis zu diskutieren. Es kann in diesem Zusammenhang keine individuellen Entscheidungen geben. Denn dann hätte Repression an diesem Punkt bereits gegriffen.
Unterstützung und Information findet Ihr bei Antirepressionsgruppen in eurer Stadt, in Hamburg bei der Roten Hilfe (erreichbar in der B 5), beim Ermittlungsausschuss und der Antirepressionsgruppe (beide erreichbar über den Schwarzmarkt).
Antirepressionsgruppe Hamburg, Oktober 07
Zum weiterlesen:
Repression und Widerstand
Texte und Materialien zu Staatsmacht, Selbstschutz und Soliarbeit. In der Broschüre gibt es ein aus führlichen Text über Aussageverweigerung.
Kost 5 Euro und gibts in Info - und Buchläden
Bitte sagen sie jetzt nichts
Aussageverweigerung und Verhörmethoden, Broschüre der Roten Hilfe, gegen Spende
Veranstaltung zu Aussageverweigerung: Kollektive Zeugenaussageverweigerung als politische Antwort auf Repression. Am Beispiel der aktuellen § 129a Verfahren. Anti Rep HH 6.12.2007, 19 Uhr LIZ Karolinenstraße